Soziales+Recht

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Ansagen im Vorwahljahr

Wenn der CSU-Chef Markus Söder im „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ die Union auffordert, ihren Führungsanspruch auch für die Zeit nach der Bundestagswahl zu behaupten und dafür einen thematischen Dreiklang fordert, ist mit den aufgezeigten Themenbereichen inhaltlich nicht wirklich etwas gesagt.

„Liberalismus mit klarer Abgrenzung zur AFD“ ist außer der Abgrenzung zur AFD vielfältig zu füllen. Liberalismus ist nicht nur für die FDP auch für die konservativen Parteien zunächst ein Wirtschaftsliberalismus, der zu Ungerechtigkeit und Fehlentwicklungen führt. Hierher gehört – wenn schon die Sozialpolitik kein eigenes Themenfeld wert ist – eine echte soziale Komponente, die eine Systemveränderung anstrebt und eine gerechte Verteilung ermöglicht. Es müssen Voraussetzungen geschaffen werden, die ein ständiges unzureichendes Ausbessern mit Zuschüssen und Unterstützungen überflüssig machen.

„Modernität mit Technologie und Digitalisierung“ ist ja eigentlich eine Vorgabe, der keiner wirklich ausweichen kann. Mit welcher Politik will man diese Hülse füllen?
„Nachhaltige ökologisch-konservative Klimapolitik“ ist ein Widerspruch in sich. Nachhaltig geht nur mit einer ökologisch-progressiven Politik.

Wenn wir dieser Tage ergriffen in einem simulierten Bild in die Tiefen und die Geschichte unseres Alls – oder unseres Teils an einem Multiversum ? – blicken, dann muss dem Letzten klar werden, dass hier auf Erden das Paradies ist.
Nur mit einer bedingungslosen Umweltpolitik und mit einer durchgreifenden Sozialpolitik können wir zum einen, unser Ökosystem vor dem Zerfall der für Menschen geeigneten Lebensbedingungen bewahren, und zum anderen, ein gerechtes und stabiles Sozialsystem schaffen.

Dafür wünsche ich mir in diesem Vorwahljahr klare Ansagen.

Am 31.7.2020 als Leserbrief versandt! Und – natürlich – nicht abgedruckt.

Bitburg!

Am 5.Mai 1985 besuchte Bundeskanzler Helmut Kohl zusammen mit dem US-amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan aus Anlass der vierzigjährigen Wiederkehr der Kapitulation der Wehrmacht des so genannten Dritten Reiches das Konzentrationslager Bergen-Belsen und den Ehrenfriedhof in Bitburg/Eifel. An beiden Gedenkstätten wurde ein Kranz niedergelegt. Der Besuch in Bitburg wurde unter ein Zeichen der Versöhnung gestellt. Zum Zeichen dessen reichten sich ein amerikanischer und ein deutscher General die Hand über den Gräbern in denen jedoch keine Amerikaner sondern nur Angehörige der Wehrmacht und der Waffen-SS zur Ruhe gebettet wurden.

Dieser Vorgang löste damals heftige Diskussionen aus. Während er im Inland meist als Konsequenz Kohl’schen Denkens und Handelns eingeordnet wurde, wurde er in Übersee offensichtlich als zwei unabhängige Vorgänge eingeordnet. Die vom Terrorregime verfolgten und ermordeten schienen die anderen. Aber waren nicht gerade sie die schmerzlichsten Opfer, die die deutsche Bevölkerung — und die anderer Länder — erbracht haben?

Dieser Text wurde in dieser Fassung im Dezember 1986 aufgeschrieben und im Februar 2021 mit einem Nachtrag versehen.

Ein nationaler Trauertag?

Zu stark!

Doch auch ein schwarzer Tag. Nicht, weil es ihn gibt, diesen Soldatenfriedhof. Nicht eigentlich, weil man dort hingeht.

Wenn ich auch immer an Georg Kaisers „Lederköpfe“ denken muss, wenn ich Generalinspekteure sehe oder auch nur von diesen höre. Wie gerne hätte ich dieses so hellseherische Stück schon früher einmal inszeniert. Schon bevor ich von neu erstandenen Generalinspekteuren — oder wie sie heißen — wusste. Und wie gern erst danach!

Auch wenn der Bundeskanzler, Helmut Kohl, zusammen mit dem amerikanischen Präsidenten, Ronald Reagan, bevor er zum Händedruck zweier Generäle über Gräber von Angehörigen der Wehrmacht und der Waffen-SS nach Bitburg kam, zur Kranzniederlegung das ehemalige Konzentrationslager in Bergen-Belsen besucht hatte, bleibt dies

Ein trauriger Tag, einfach traurig.

„He was fair … … .“, sagte ein amerikanischer Hörer. Er habe beide bedacht — hat er denn auch gedacht? — , die im KZ, die Überlebenden durch einen Besuch bei den Toten, und die Deutschen — die Deutschen, die jene sind, die aus ihrer Geschichte leben, durch einen Besuch bei ihren Toten.

Bitburg!

Wer sind denn ihre Toten?

Aus welcher Geschichte wollen diese denn plötzlich leben?

Was stilisieren sie da?

Wer starb für Deutschland? Wer denn??

Wenn er eines erreicht hat durch seinen Besuch mit dem amerikanischen Präsidenten auf dem Ehrenfriedhof in Bitburg!,

dann die Trennung von unseren Toten, den Toten in Bergen-Belsen, Neuengamme, Dachau und anderswo, der Namen sind es so viele.

Hier starb es sich so schwer, so grauenhaft, so einsam für Deutschland, wenn es denn ein Deutschland gibt, für das man sterben konnte und kann. Sicher nicht das Vaterland, das man da in unserer Geschichte wiederentdeckt, wiederzuentdecken glaubt.

Für ein Deutschland, das sie im Geiste trugen — Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Zukunft, Kultur und Liebe unter den Menschen und Völkern. Sind sie denn die Toten der anderen, wie jener amerikanische Hörer meint?

Unsere Toten, das kann doch nicht eine Wehrmacht sein, die unsere Nachbarn überfiel, die Europa und die Welt mit Krieg überzog?

Auch, wenn der Junge – welche Uniform er nun auch immer anhatte – hineingezwungen, gewaltsam befohlen, ob nun obendrein verführt oder nicht – ein Jahrzehnt nur trennt meine Geburt von der seinen – nichts dafür kann, ist er dann für Deutschland gestorben??

Verteidigt hat er Deutschland nicht. Verteidigt hätte eine Wehrmacht Deutschland, die rechtzeitig dem verbrecherischen Spuk ein Ende gemacht hätte! In der Eifel und wo sonst noch haben sie nur den Untergang der Herrschaft des Bösen mit viel, viel Blut — nicht nur dem eigenen — hinausgezögert.

Wenn Deutschland nach dem Inferno an etwas anknüpfen konnte, dann ist es der Geist jener, die unter dem Bösen gelitten, die ihm Widerstand entgegen gesetzt haben. Der Kommunist wie der Sozialdemokrat, der Literat wie der Zigeuner und vor allem der Jude rufen uns aus ihren nicht gerichteten Gräbern zu: Vergesst nicht!!

Vergesst nicht, aus Groll nicht, aus Rache oder menschlicher Schuldigkeit.

Vergesst nicht als Mahnung, als zehrende Erinnerung an das, wessen Menschen fähig sind, als permanente Warnung. Vergesst nicht, aus Gedenken und Mitleiden.

Wer trug denn die Stafette eines anderen Deutschlands, wie wir es so schön nennen, wie uns unsere eigene Geschichte zwingt es zu nennen, Weiter in unser Heute? Willy Brandt, Konrad Adenauer – welche Politik er auch immer später betrieben hat, und wie viele noch?

Die Stafette geben uns die Toten weiter, nicht die Toten in Bitburg und auf anderen Heldenfriedhöfen. Wer ist denn ein Held? Ich weiß, sie heißen nur Soldatenfriedhof.

Von unseren Toten wollen wir uns nicht trennen lassen, Hören Sie das Herr Bundeskanzler, und sagen Sie es den Hörern im Ausland, die Ihrer Handlung schon ‑ wieder – etwas anderes entnehmen.

Ingnoranz und Totschweigen — „es muss nun doch mal genug sein“ — machen so wenig vergessen wie gar ungeschehen! Sie wecken bei dem anderen neben dem Schmerz — nur Verdächte.

Wer aus seiner Geschichte leben will und ständig von den positiven Seiten redet, der sollte auf der positiven Seite endlich einmal jene einreihen, die dort an jenen Stätten des Grauens — auch für Deutschland — litten und starben.

Das würde ich dem, nun ist aber genug geredet, voran stellen!

Die Gunst der späten Geburt! Hurra!

Schuld, ja Schuld trage ich gewiß nicht, persönliche nicht und die andere , wohl nicht, denn die gibt es wohl nicht. Und, was wäre wenn, lässt sich keiner vorrechnen. Mit Recht!

Aber was denn, wenn ich aus meiner Geschichte leben will, der große Ruf hierzulande. Ist das nicht eine geschichte, die das zustande, die dies hervor-brachte? Es bleibt die große Scham. Nichts vom Verschweigen, nichts vom ‚genug geredet‘.

So kann ich doch nur aus der Geschichte, aus unserer Geschichte leben, wenn ich aus dem lebe, was dieses nicht hervorbrachte, wenn ich das suche, was denn unser Neuanfang sein sollte.

In Bitburg finde ich es nicht. Hier finde ich nur – Entschuldigung – eine fatale Erinnerung an ein Bühnenstück von Georg Kaiser.

Und in einem Haus der Geschichte, werde ich es dort finden?? Fakten, nun gut. Welcher Historiker sagte es: In vergleichbaren Staaten finden wir diese Häuser nicht, wohl aber in Diktaturen. Die sind auch unter Beweisnot!

Beweisnot, das scheint mir auch ein gut Teil Ursache hier zu sein. Beweisnot, wenn ich nicht jenes voll und ohne Einschränkung akzeptiere, was unterdrückt, gemeuchelt, hingemordet wurde. Ich hoffe, es war nicht tot zu kriegen! Oder?

Dann könnte ich auch aus dieser geschichte leben, mit ihr leben. Dann bräuchte es keines Hauses der Geschichte, um sie unserer Jugend und wem noch bewusst zu machen, sie wäre Lebendig.

Und wenn nicht?

Tradition empfinde ich — persönlich — vielleicht doch nur bei unserem nördlichen Nachbarn, neben dem ich aufgewachsen bin. Es ist mehr geblieben, als man selber zunächst wahr haben will. Und das geistige Erbe, jene Stafette, sie sind vielleicht nur freie geistige Tugenden, sie gehören keinem Volk, sowieso nicht, sie können nur — auf Zeit ? — bei ihm und mit ihm leben. Vielleicht ist es so. Zumindest, wenn ihr uns kein Deutschland dieses Geistes gebt, Ihr Volk der Deutschen.

Ein Vaterland wollen wir nicht.

Was ist mit einem Neuanfang, konnte es etwa gar keinen geben?

Lebt die deutsche Literatur — in beiden Deutschland — auch nur, weil es kein Vaterland und keinen Neuanfang gibt und gab?

Wozu hilft da ein Haus der Geschichte? Hilft es nicht der lebendigen Tradition unseres freien Geistes.

Ein Nachtrag:

Fünfunddreißig Jahre später also fünfundsiebzig Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager gibt es mehr Distanz und Denken hat sich verändert. Das Haus der Geschichte unterliegt keiner Doktrin, ist offen und stellt Fragen. Das Gedenken zum fünfundsiebzigsten Jahrestag der Befreiung hatte Züge der Identifikation. Und schließlich hatten die Bürger der Deutschen Demokratischen Republik 1989/90 das Grundgesetz für eine deutsche Bundesrepublik durch ihren Beitritt zu diesem Grundgesetz in großartiger Weise bestätigt und aufleben lassen.

Doch gleichwohl unterliegt das Gemeinwohl aller der Obhut aller. Und da gibt es genug zu beachten und zu behandeln. Zumal wir zur Zeit erkennen müssen, wie fruchtbar der Schoß noch ist, aus dem dieses kroch, um Bertold Brecht frei zu zitieren. Mit Entsetzen und mit Schrecken starren wir auf das, was sich da aufbaut.

Es bedarf noch viel Aufbauarbeit, Aufklärung und Zuwendung.